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Das Sprachspiel des Erklärens

Lebensweltliche Beispiele

Das Erklären begegnet uns in vielen Lebenssituationen: Die Lehrerin, die mathematische Konzepte vermittelt; der Arzt, der einem Patienten eine Diagnose erklärt; eine Mutter, die ihrem Kind die Verkehrsregeln erläutert; der Techniker, der die Funktionsweise eines Gerätes beschreibt; ein Wissenschaftsjournalist, der komplexe Forschungsergebnisse für Laien verständlich macht; Kollegen, die sich neue Arbeitsabläufe erklären; oder ein Kind, das seinen Freunden die Regeln eines Spiels beibringt.

Worauf es abzielt

Das Sprachspiel des Erklärens zielt darauf ab, Wissen, Verständnis und Einsicht zu vermitteln. Es überbrückt eine Wissenslücke zwischen Erklärendem und Zuhörer und macht komplexe Zusammenhänge nachvollziehbar. Anders als beim bloßen Behaupten geht es nicht nur darum, Fakten zu präsentieren, sondern Kausalzusammenhänge, Funktionsweisen oder Bedeutungen so darzustellen, dass sie vom Gegenüber verstanden werden können. Erklären ist im Kern ein didaktischer Akt, der Unwissenheit in Verstehen transformieren soll.

Erfolgskriterien

Eine Erklärung gilt dann als gelungen, wenn:

  • Der Empfänger nach der Erklärung ein tieferes Verständnis des Sachverhalts besitzt
  • Die Erklärung an das Vorwissen und die kognitiven Fähigkeiten des Empfängers angepasst ist
  • Komplexe Sachverhalte auf ein angemessenes Abstraktionsniveau reduziert werden
  • Die Erklärung sachlich korrekt und frei von Verzerrungen ist
  • Die Erklärung so strukturiert ist, dass sie eine logische Entwicklung des Verständnisses ermöglicht
  • Der Empfänger das neue Wissen in bestehende Wissensstrukturen einordnen kann

Eine gute Erklärung schafft nicht nur Faktenwissen, sondern ein konzeptuelles Verständnis, das zur Anwendung befähigt.

Wie es schiefgehen kann

Das Sprachspiel des Erklärens kann scheitern, wenn:

  • Die Erklärung zu komplex für den Wissensstand des Empfängers ist
  • Zu viele Fachbegriffe ohne Erläuterung verwendet werden
  • Der Erklärende selbst den Sachverhalt nicht ausreichend verstanden hat
  • Wesentliche logische Schritte ausgelassen werden (die "Erklärungslücke")
  • Die Erklärung zu abstrakt oder zu detailliert für den benötigten Zweck ist
  • Der Erklärende die falschen Annahmen über das Vorwissen des Empfängers trifft
  • Die Erklärung unstrukturiert verläuft und keiner klaren Logik folgt

Besonders häufig ist das "Fluch des Wissens"-Phänomen: Experten fällt es schwer, sich in die Position von Laien zu versetzen und erklären auf einem unpassend hohen Niveau.

Wie es missbraucht wird

Das Erklären kann auf verschiedene Weisen missbraucht werden:

  • Durch "Overexplaining" – übermäßiges Erklären von Selbstverständlichem, oft mit einer herablassenden Note ("Mansplaining")
  • Durch Pseudoerklärungen, die wissenschaftlich klingen, aber inhaltlich leer sind
  • Durch tendenziöse Erklärungen, die bewusst Fakten verzerren oder weglassen
  • Durch mystifizierende Erklärungen, die Komplexität künstlich erhöhen, um Autorität zu demonstrieren
  • Durch vereinfachende Erklärungen komplexer Phänomene, die falsche Gewissheiten erzeugen
  • Durch das Vortäuschen von Expertise in Bereichen, in denen man nicht qualifiziert ist

Ein besonders problematischer Missbrauch ist das "Erklären als Waffe" – wenn Erklärungen primär dazu dienen, die eigene Überlegenheit zu demonstrieren und andere zu beschämen.

Soziale Rolle

Das Erklären erfüllt zentrale soziale Funktionen:

  • Es ermöglicht die Weitergabe von Wissen zwischen Generationen und Gruppen
  • Es demokratisiert Zugang zu komplexem Wissen und fördert so gesellschaftliche Teilhabe
  • Es strukturiert Lernprozesse in Bildungsinstitutionen und der Arbeitswelt
  • Es schafft geteilte Verständnisrahmen zwischen verschiedenen Fachgebieten und Expertisen
  • Es unterstützt informierte Entscheidungsfindung in demokratischen Prozessen
  • Es bildet eine Brücke zwischen Expertenwissen und öffentlichen Diskursen

In einer zunehmend komplexen Welt mit spezialisiertem Wissen wird das kompetente Erklären zu einer Schlüsselfähigkeit für den gesellschaftlichen Zusammenhalt. Gleichzeitig besteht eine ständige Spannung zwischen notwendiger Vereinfachung und problematischer Verfälschung komplexer Sachverhalte.