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Wittgensteins Sprachspielbegriff

Allgemein​

In Wittgensteins Sprachspielbegriff sind Sprache und Handeln eng miteinander verwoben. Wittgenstein argumentiert, dass die Bedeutung von Wörtern und SÀtzen nicht isoliert betrachtet werden kann, sondern immer im Kontext von Handlungen und Praktiken steht. Er nennt das Ganze aus Sprache und den TÀtigkeiten, mit denen sie verwoben ist, ein "Sprachspiel".

Ein Wort, ein Begriff oder ein Satz hat seine Bedeutung nicht unabhĂ€ngig davon, was man mit diesem Wort, dem Begriff oder dem Satz tut und in welcher Situation man ihn Ă€ußert. Dies bedeutet, dass die Bedeutung von Sprache durch ihre Verwendung in bestimmten Kontexten und Praktiken bestimmt wird1.

Zusammenfassend lĂ€sst sich sagen, dass in Wittgensteins Sprachspielbegriff Sprache und Handeln untrennbar miteinander verwoben sind. Die Bedeutung von sprachlichen Äußerungen ergibt sich aus ihrem Gebrauch in bestimmten sozialen Kontexten und Lebensformen, und die Vielfalt der Sprachspiele zeigt, wie Sprache in verschiedenen Praktiken und Handlungen eingebettet ist.

Im Detail​

Wittgensteins Konzept der "Sprachspiele" ist zentral fĂŒr seine SpĂ€tphilosophie ("Logische Untersuchungen") und markiert einen radikalen Bruch mit seinem frĂŒheren Denken im "Tractatus".

Was sind Sprachspiele?​

Sprachspiele sind fĂŒr Wittgenstein die vielfĂ€ltigen Arten, wie wir Sprache im Alltag verwenden. Der Begriff betont, dass Sprache keine einheitliche, festgelegte Struktur hat, sondern aus unzĂ€hligen verschiedenen AktivitĂ€ten besteht - Ă€hnlich wie es viele verschiedene Spiele gibt (Schach, Fußball, SolitĂ€r), die alle "Spiele" sind, aber keine gemeinsame Essenz teilen.

FĂŒr Wittgenstein sind die einzelnen Sprachspiele immer in eine Lebensform eingebettet. Eine Lebensform umfasst die Gesamtheit der Handlungsmuster in einer Kultur. Das Sprechen der Sprache ist ein Teil einer TĂ€tigkeit oder einer Lebensform.

Kerngedanken​

Sprache als TÀtigkeit: Wittgenstein zeigt, dass Sprechen Teil unserer Lebensform ist. Wörter bekommen ihre Bedeutung nicht durch das, was sie abbilden, sondern durch ihren Gebrauch in bestimmten Kontexten. "Die Bedeutung eines Wortes ist sein Gebrauch in der Sprache."

Vielfalt der Verwendungen: Es gibt unzĂ€hlige Sprachspiele - befehlen, beschreiben, berichten, Witze machen, beten, fluchen, grĂŒĂŸen, danken. Jedes hat eigene Regeln und Zwecke. Ein Wort kann in verschiedenen Sprachspielen völlig unterschiedliche Funktionen haben.

Regelgeleitetheit: Wie bei Spielen folgen wir beim Sprechen bestimmten Regeln, meist ohne uns ihrer bewusst zu sein. Diese Regeln sind nicht starr, sondern entwickeln sich in der Praxis.

Beispiele​

Wittgenstein gibt viele anschauliche Beispiele: Ein Bauarbeiter ruft "Platte!" und sein Kollege reicht ihm eine. Hier ist das Wort Teil einer Handlung, nicht bloße Beschreibung. Oder das Sprachspiel des Einkaufens: "FĂŒnf rote Äpfel" auf einem Zettel löst beim HĂ€ndler bestimmte Handlungen aus.

Philosophische Konsequenzen​

Diese Sichtweise löst viele traditionelle philosophische Probleme auf, indem sie zeigt, dass sie oft auf einem MissverstÀndnis der Funktionsweise unserer Sprache beruhen. Philosophische Verwirrung entsteht, wenn wir Wörter aus ihrem normalen Sprachspiel herausnehmen und nach ihrer "wahren Bedeutung" fragen.

Die Sprachspielkonzeption zeigt: Es gibt keine privilegierte philosophische Perspektive außerhalb der Sprache. Wir können Sprache nur von innen heraus verstehen, als Teilnehmer an Sprachspielen.

Entstehung und Entwicklung​

Wittgenstein entwickelte das Konzept der Sprachspiele hauptsÀchlich wÀhrend seiner zweiten Cambridge-Periode (1929-1947). Die wichtigsten Orte und Schriften:

Philosophische Untersuchungen (posthum 1953): Hier findet sich die ausgereifte Darstellung der Sprachspieltheorie. Wittgenstein arbeitete daran von den 1930ern bis zu seinem Tod 1951.

Das Blaue und das Braune Buch (1933-1935): In diesen Diktaten an seine Studenten taucht der Begriff erstmals systematisch auf.

Vorlesungen in Cambridge: In den 1930er und 1940er Jahren entwickelte er diese Ideen im Dialog mit Studenten wie Norman Malcolm und Rush Rhees weiter.

Die Wende kam durch seine Unzufriedenheit mit dem "Tractatus" und wurde beeinflusst durch seine Zeit als Volksschullehrer in Österreich (1920-1926), wo er die praktische Vielfalt des Sprachgebrauchs hautnah erlebte.

Hauptkritiker und ihre EinwĂ€nde​

Jerry Fodor war einer der schĂ€rfsten Kritiker. Er argumentierte, dass Wittgensteins Gebrauchstheorie die SystematizitĂ€t und ProduktivitĂ€t der Sprache nicht erklĂ€ren könne. FĂŒr Fodor gibt es sehr wohl eine "Sprache des Geistes" mit festen Bedeutungen.

Michael Dummett kritisierte, dass Wittgensteins Anti-Systematik zu weit gehe. Man könne durchaus systematische Bedeutungstheorien entwickeln, ohne in die Fallen des Tractatus zu tappen.

Ernest Gellner griff Wittgenstein in "Words and Things" (1959) frontal an. Er sah in der Sprachspielphilosophie einen konservativen Relativismus, der kritisches Denken verhindere und bestehende Sprachpraktiken unkritisch akzeptiere.

Bertrand Russell, Wittgensteins ehemaliger Mentor, war zutiefst enttĂ€uscht von der SpĂ€tphilosophie. Er sah darin einen RĂŒckzug von ernsthafter philosophischer Theoriebildung hin zu trivialen Sprachbeobachtungen.

Noam Chomsky kritisierte implizit Wittgensteins Ansatz durch seine Theorie der angeborenen Universalgrammatik. FĂŒr Chomsky gibt es sehr wohl universelle Sprachstrukturen jenseits lokaler Sprachspiele.

Karl Popper warf Wittgenstein vor, echte philosophische Probleme zu trivialisieren. Die Behauptung, philosophische Probleme seien nur Sprachverwirrungen, sei selbst eine dogmatische philosophische These.

Die Debatte wirkt bis heute nach: Systematische Sprachphilosophen sehen in Wittgensteins Ansatz oft eine Kapitulation vor der KomplexitÀt der Sprache, wÀhrend seine AnhÀnger gerade darin seine StÀrke sehen.

Quellen​